Wurzeltourismus in Italien: den Spuren der Vorfahren folgen

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Kurz gefasst
  • Wurzeltourismus (italienisch turismo delle radici) heißt: nach Italien reisen, um die geografische Herkunft der eigenen Familie zu erforschen — den Ort, das Archiv, die Pfarrei, oft das Haus.
  • Nach der Studie des Centro Studi Turistici (CST) mit Assoturismo Confesercenti für das italienische Außenministerium erreichten die Ankünfte mit diesem Reisemotiv 2024 6,6 Millionen, mit 34,4 Millionen Übernachtungen und rund 5 Milliarden Euro Ausgaben.
  • Wer aus diesem Grund reist, bleibt länger und gibt mehr aus: im Schnitt 5,32 Nächte und 145 Euro pro Tag, siebzehn Euro über dem Durchschnitt internationaler Gäste.
  • Deutschland steht an vierter, die Schweiz an fünfter Stelle der Herkunftsländer — vor Frankreich und Australien.
  • Nach ISTAT-Daten waren am 31. Dezember 2024 847.000 italienische Staatsangehörige in Deutschland und 654.000 in der Schweiz im Melderegister AIRE eingetragen.
  • Die Reise ist selten das Ende: Sie führt häufig zu einem Antrag auf Anerkennung der Staatsangehörigkeit, zu einem Immobilienkauf oder zu einem Umzug.

2024 gaben Reisende, die eigens zur Erforschung ihrer Familiengeschichte nach Italien kamen, im Durchschnitt 145 Euro pro Tag aus — siebzehn Euro mehr als der typische internationale Gast. So die Studie des Centro Studi Turistici (CST) in Zusammenarbeit mit Assoturismo Confesercenti für das italienische Außen- und Kooperationsministerium (MAECI). Zusammen erzeugten sie eine Wirtschaftsleistung von knapp fünf Milliarden Euro, verteilt auf 34,4 Millionen Übernachtungen im ganzen Land.

Wurzeltourismus bedeutet: nach Italien reisen mit dem vorrangigen Ziel, die geografische Herkunft der eigenen Familie zu erforschen. Die Orte besuchen, die die Vorfahren verlassen haben. In örtliche Archive und Pfarrbücher schauen. Kontakt zu der Gemeinschaft aufnehmen, in der die Geschichte der Familie begann. Es ist kein Kulturtourismus. Es ist persönliche Archäologie.

Was ist Wurzeltourismus — und worin unterscheidet er sich von einer Kulturreise?

Beim Wurzeltourismus wird das Ziel nicht wegen seiner allgemeinen Anziehungskraft gewählt, sondern wegen einer vorbestehenden familiären Verbindung. Das Ziel der Reisenden ist genealogisch und identitätsbezogen: das bestimmte Dorf finden, das bestimmte Archiv, in vielen Fällen das bestimmte Haus, aus dem ein Großvater oder eine Urgroßmutter aufgebrochen ist — manchmal vor mehr als hundert Jahren, manchmal vor sechzig.

Drei Merkmale unterscheiden diese Reisenden durchgängig von anderen internationalen Gästen.

  • Das Ziel steht durch die Abstammung fest. Deshalb liegen die meistbesuchten Gebiete nicht in Florenz oder Rom, sondern in kleinen Orten auf Sizilien, in Kalabrien, Kampanien, der Basilikata und im Veneto.
  • Sie bleiben länger und geben mehr aus: im Durchschnitt 5,32 Nächte und 145 Euro pro Tag (CST/Assoturismo Confesercenti, 2024).
  • Sie lösen häufig eine Kette praktischer Entscheidungen aus, die weit über die Reise hinausreicht: Anträge auf Anerkennung der Staatsangehörigkeit, Immobilienkäufe und in wachsender Zahl auch Umzüge.

Die italienische Verwaltung definiert den Wurzeltourismus in ihren PNRR-Unterlagen als Reise mit dem Motiv, den paese di origine — den Herkunftsort der Familie — zu besuchen. Er ist etwas anderes als heritage tourism, also allgemeines Kulturinteresse, und etwas anderes als eine unbestimmte Ahnenreise. Der italienische Wurzeltourismus ist an einen physischen Ort gebunden — das Dorf, die Pfarrei, das Archiv — und er beginnt mit einem Vornamen und einem Nachnamen.

Wie viele Menschen reisen jedes Jahr aus diesem Grund nach Italien?

Nach den Daten des CST in Zusammenarbeit mit Assoturismo Confesercenti für das MAECI erreichten die Ankünfte in Italien mit Wurzeltourismus als Hauptmotiv 2024 die Zahl von 6,6 Millionen und lagen damit 6,2 % über den Prognosen. Die Vorausschätzungen für 2026 nennen 7,3 Millionen Ankünfte, 37,9 Millionen Übernachtungen und Ausgaben von mehr als 5,5 Milliarden Euro.

Das potenzielle Reservoir ist groß. Das italienische Außenministerium schätzt, dass weltweit zwischen 60 und 80 Millionen Menschen italienische Abstammung geltend machen können. Nach ISTAT-Daten waren am 31. Dezember 2024 rund 6.382.000 italienische Staatsangehörige in der Anagrafe degli Italiani Residenti all’Estero (AIRE, Melderegister der im Ausland lebenden Italiener) eingetragen, verteilt auf mehr als 190 Länder.

LandIm AIRE eingetragen (ISTAT, 31.12.2024)Rang im WurzeltourismusWichtigste italienische Zielregionen
Vereinigte Staatenrund 250.000 im AIRE, dazu 17 bis 20 Millionen Nachfahren1.Sizilien, Kampanien, Kalabrien, Abruzzen, Basilikata
Argentinien987.0002.Basilikata, Kalabrien, Apulien, Veneto, Sizilien
Brasilien671.0003.Veneto, Friaul-Julisch Venetien, Kalabrien, Kampanien
Deutschland847.0004.Sizilien, Kalabrien, Kampanien, Veneto
Schweiz654.0005.Sizilien, Kalabrien, Apulien, Abruzzen
Frankreich483.0006.Piemont, Ligurien, Toskana, Sardinien
Australienrund 164.0007.Sizilien, Kalabrien, Abruzzen, Molise

Zur Lesart: Die AIRE-Zahlen erfassen eingetragene Passinhaber, nicht die Gesamtzahl der Nachfahren. Zwischen beiden klafft besonders in den Vereinigten Staaten und in Argentinien eine große Lücke. Der Rang im Wurzeltourismus stammt aus der Studie CST/Assoturismo Confesercenti 2024, die AIRE-Werte aus der ISTAT-Erhebung.

Ein Merkmal macht die italienische Diaspora besonders: ihre generationelle Tiefe. Die meisten Italoamerikaner sind Nachfahren der dritten oder vierten Generation von Auswanderern, die zwischen 1880 und 1930 aufbrachen. In Argentinien und Brasilien kamen die ersten Wellen schon in den 1870er- und 1890er-Jahren an; manche Familien stehen heute in der fünften oder sechsten Generation. Dieser Abstand schwächt den Sog nicht ab. Er verstärkt ihn oft, weil die urkundliche Verbindung nach Italien brüchiger und damit kostbarer geworden ist.

Und im deutschsprachigen Raum? Die andere, jüngere Diaspora

Wer im deutschsprachigen Raum italienische Wurzeln hat, gehört meist zu einer anderen Geschichte — und zu einer, die noch viel näher liegt. Deutschland steht im Wurzeltourismus an vierter Stelle, die Schweiz an fünfter. Das ist kein Zufall: Nach ISTAT-Daten leben 847.000 italienische Staatsangehörige in Deutschland und 654.000 in der Schweiz. Nach Argentinien sind das die zweit- und die viertgrößte Gemeinschaft der Welt.

Die Verteilung folgt der Industriegeografie der Nachkriegszeit. Allein der Konsularbezirk Stuttgart zählt rund 183.000 eingetragene Italienerinnen und Italiener, Frankfurt 158.000, Köln 130.000 und München 128.000. In der Schweiz führt Zürich mit 211.000, gefolgt von Genf mit 133.000, Lugano mit 124.000 und Basel mit 111.000.

Hinter diesen Zahlen steht die Arbeitsmigration, die mit den zwischenstaatlichen Anwerbeabkommen der 1950er-Jahre begann. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt, wie die Zahl der in der Bundesrepublik beschäftigten ausländischen Staatsangehörigen von rund 73.000 im Jahr 1954 auf 329.000 im Jahr 1960 und 1965 erstmals über eine Million stieg. Der Anwerbestopp von 1973 hatte auf italienische Beschäftigte keinerlei Wirkung: Die in den Römischen Verträgen angelegte Freizügigkeit galt für sie bereits.

Für die Recherche bedeutet dieser zeitliche Abstand einen erheblichen Vorteil. Wessen Großvater 1961 aus Kalabrien nach Wolfsburg kam, sucht keine Passagierlisten von 1907, sondern eine Geburtsurkunde von 1935 — in einem Standesamt, das sie seit 1866 lückenlos führt, oft schon digitalisiert. Und in vielen Familien lebt die Generation, die den Ort noch selbst kennt, noch. Das ist das kostbarste Archiv von allen, und es hat ein Ablaufdatum.

Ein dritter Fall betrifft Südtirol und die Grenzgebiete: Wer dort Vorfahren hat, findet die Register bei italienischen Gemeinden geführt, teils zweisprachig, und muss sich nicht mit einer Auswanderung über den Ozean befassen, sondern mit einer Verwaltungsgeschichte, die mehrfach die Staatszugehörigkeit gewechselt hat. Auch das ist Wurzelrecherche — nur mit anderen Findmitteln.

Welche Regionen ziehen die meisten Wurzelreisenden an — und warum?

Die Geografie des Wurzeltourismus bildet die Geografie der italienischen Auswanderung ab. Drei große Wellen bestimmten, wo sich die Diaspora niederließ — und damit, wohin ihre Nachfahren heute zurückkehren.

Süditalien speiste zwischen 1880 und 1930 die Auswanderung in die Vereinigten Staaten, nach Argentinien und Australien. Sizilien, Kalabrien, Kampanien, die Abruzzen, Molise, die Basilikata und Apulien stellen den weit überwiegenden Teil der italoamerikanischen und italoargentinischen Abstammung. Pfarrarchive und Standesamtsregister — seit dem Konzil von Trient (1545 bis 1563) systematisch geführt — liefern urkundliche Belege bis ins sechzehnte Jahrhundert. Das Portale Antenati, eine kostenfreie digitale Plattform des italienischen Kulturministeriums, hat Millionen dieser Einträge digitalisiert und online durchsuchbar gemacht.

Das Veneto und Friaul-Julisch Venetien speisten in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts eine erhebliche Migration nach Brasilien — vor allem nach Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Paraná — und in Teile Argentiniens. In einigen ländlichen Gebieten von Rio Grande do Sul wird bis heute ein Dialekt gesprochen, der dem Venetischen des neunzehnten Jahrhunderts nahesteht. Piemont und Ligurien schickten ihre Auswanderer vor allem nach Frankreich, Belgien, in die Schweiz, nach Chile und Uruguay.

RegionWichtigste DiasporaZeitraumWichtigste Archive
SizilienUSA, Argentinien, Australien1880–1930Staatsarchive; Pfarreien ab 1563
KalabrienUSA, Argentinien, Kanada1880–1930Staatsarchive RC, CS, CZ, VV, KR
KampanienUSA (New York, Boston, Philadelphia)1880–1920Staatsarchiv Neapel; Portale Antenati
BasilikataUSA, Argentinien, Brasilien1880–1930Staatsarchive L’Aquila, Campobasso
ApulienUSA, Argentinien, Deutschland1900–1970Staatsarchive Bari, Lecce, Foggia
Veneto und FriaulBrasilien (RS, SC, PR), Argentinien1870–1910Staatsarchive VE, PD, TV, UD, TS sowie Diözesanarchive
Piemont und LigurienFrankreich, Belgien, Schweiz1880–1960Staatsarchive TO, GE sowie Diözesanarchive

Eine Zeile in dieser Tabelle verdient für deutschsprachige Leser besondere Aufmerksamkeit: Apulien, Zeitraum 1900 bis 1970, Zielland unter anderem Deutschland. Diese Linie ist die kürzeste und die am besten dokumentierte von allen.

Nach der Studie CST/Assoturismo Confesercenti 2024 verzeichnen das Veneto, die Emilia-Romagna, Kampanien, Sizilien, Kalabrien, die Abruzzen und Apulien die höchsten Zuflüsse an Wurzelreisenden. Ein erheblicher Teil davon erreicht kleine Orte im Landesinneren, weit abseits der großen Touristenrouten — mit unmittelbarem wirtschaftlichem Nutzen für Gemeinden, die vom Massentourismus wenig abbekommen.

Was macht ein Wurzelreisender während der Reise tatsächlich?

Eine Wurzelreise hat eine wiederkehrende Struktur, die sie von jeder anderen Reiseform unterscheidet. Sie ist keine Route entlang von Sehenswürdigkeiten, sondern eine Recherche mit trichterförmigem Verlauf: Sie beginnt bei der Heimatgemeinde und öffnet sich allmählich zu Begegnungen, Dokumenten und in vielen Fällen zu Entscheidungen, die ein Leben verändern.

Die Ankunftsphase beginnt fast immer im Einwohnermeldeamt der Gemeinde (ufficio anagrafe) oder im örtlichen Staatsarchiv. Das Ziel ist doppelt: beglaubigte Abschriften der Urkunden zu erhalten, die für einen möglichen Antrag auf Anerkennung der Staatsangehörigkeit gebraucht werden — und die Geburtsurkunde eines Ururgroßvaters tatsächlich in der Hand zu halten. Dieser Moment, oft der intensivste der ganzen Reise, lässt sich in keinem digitalen Archiv nachbilden.

Der Tag darauf führt in der Regel ins Pfarrarchiv. In vielen süditalienischen Orten verwahrt die Pfarrei Taufbücher, die bis ins sechzehnte oder siebzehnte Jahrhundert zurückreichen — lange bevor es den italienischen Staat gab. Der Pfarrer ist häufig die wertvollste Ressource vor Ort: Er kennt die ansässigen Familien und kann Kontakte zu Bewohnern herstellen, die denselben Nachnamen tragen.

Viele Reisende nehmen sich mindestens einen halben Tag für den Friedhof. Grabsteine sind für die jüngeren Generationen eine erstrangige genealogische Quelle, und die Dichte eines Nachnamens auf einem Friedhof sagt unmittelbar, wie tief die Familie im Ort verwurzelt war. Wer dabei feststellt, dass das Haus der Familie noch steht und zum Verkauf steht, findet in unserem Begleitprogramm Restart die Schritte von der Besichtigung bis zum Notartermin. Wenn es möglich ist, steht der Besuch des Familienhauses am Ende — jenes Hauses, aus dem der Vorfahre aufbrach, sofern es noch steht. Es ist der Akt, der aus einer Erfahrung eine konkrete Möglichkeit macht.

Wie schlägt sich Italien im Vergleich mit Irland, Schottland oder Griechenland?

Ahnentourismus ist keine italienische Besonderheit. Irland, Schottland, Polen und Griechenland haben ebenfalls große Diasporas und aktive Programme. Italien vereint jedoch drei strukturelle Vorteile, die anderswo in dieser Kombination nicht vorkommen.

Größenordnung

Italien zählt weltweit zwischen 60 und 80 Millionen Nachfahren (Schätzung des MAECI). Irland geht von rund 70 Millionen Menschen mit irischen Wurzeln aus, Schottland von etwa 50 Millionen. Außergewöhnlich ist bei Italien vor allem die geografische Streuung: die Vereinigten Staaten mit 17 bis 20 Millionen, dazu Argentinien, Brasilien, Australien, Kanada und ganz Westeuropa.

Archivalische Tiefe

Das Konzil von Trient (1545 bis 1563) verpflichtete alle katholischen Pfarreien, Taufen, Trauungen und Bestattungen systematisch zu verzeichnen. Für die Mehrzahl der italienischen Gemeinden existieren daher verlässliche demografische Daten seit dem sechzehnten Jahrhundert. Das Portale Antenati hat Millionen dieser Einträge digitalisiert und kostenfrei durchsuchbar gemacht.

Steuerlicher Anreiz

Italien bietet Neuzuziehenden, die ihren Wohnsitz in eine begünstigte Gemeinde des Mezzogiorno verlegen, eine Ersatzsteuer von 7 % auf sämtliche ausländischen Einkünfte (Art. 24-ter TUIR). Die Regelung gilt für zehn Steuerperioden — das Jahr des Zuzugs und die neun folgenden. Das Gesetz Nr. 34/2026 hat die Einwohnergrenze der begünstigten Gemeinden zum 7. April 2026 von 20.000 auf 30.000 angehoben. Kein anderes europäisches Ziel des Ahnentourismus verbindet diese Anziehungskraft mit einem vergleichbaren steuerlichen Vorteil.

Ein Punkt, der für deutsche Leser den Unterschied macht und in internationalen Darstellungen fehlt: Die Rente der Deutschen Rentenversicherung bleibt nach Art. 19 Abs. 4 des Doppelbesteuerungsabkommens Deutschland–Italien von 1989 in Deutschland steuerpflichtig und fällt damit nicht unter die 7 %. Betriebsrenten, private Renten und Kapitaleinkünfte können dagegen einbezogen werden. Wer aus Österreich kommt, steht anders da: Die ASVG-Pension ist nach Art. 18 des Abkommens von 1981 nur im Wohnsitzstaat steuerpflichtig. Die Einzelheiten stehen in unserem Beitrag zur 7-Prozent-Steuer für Rentner in Italien.

Silver Move

Silver Move begleitet den Ruhestand in Italien: Wahl der Gemeinde, Anmeldung, Krankenversicherungsschutz und steuerliche Einordnung der Renten aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz.

Ist die Reise erst der Anfang — was folgt danach?

Ein Wurzelbesuch in Italien endet selten am Flughafen auf dem Rückweg. Für einen wachsenden Teil der Reisenden ist er der Ausgangspunkt eines viel längeren Wegs: eines Immobilienkaufs, einer Wohnsitzverlegung, eines Antrags auf Anerkennung der Staatsangehörigkeit oder zumindest jährlicher Rückkehren, die allmählich zu einem zweiten Leben werden.

Die Daten zeigen einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Besuch und späteren konkreten Entscheidungen. Die Anerkennungen der italienischen Staatsangehörigkeit aus Abstammung sind parallel zum Wurzeltourismus gewachsen. Nach ISTAT erfolgten 2023 — den letzten endgültigen Daten — 52 % aller Erwerbe im Ausland durch Abstammung, mit über 41.000 Fällen in Brasilien und rund 33.000 in Argentinien: zwei Länder, in denen die Verbindung zwischen Herkunft, Wurzelreise und Antrag besonders unmittelbar ist.

Ein wichtiger Vorbehalt, den ältere Darstellungen nicht enthalten: Seit dem 27. März 2025 gelten für die Anerkennung aus Abstammung deutlich engere Voraussetzungen. Der neue Art. 3-bis der L. 91/1992 verlangt für Neuanträge in der Regel einen Vorfahren ersten oder zweiten Grades — Elternteil oder Großelternteil —, der ausschließlich die italienische Staatsangehörigkeit besaß. Was das im Einzelnen bedeutet, steht in unserem Beitrag zur italienischen Staatsangehörigkeit durch Abstammung. Eine Wurzelreise ersetzt keine rechtliche Prüfung — aber sie liefert genau die Urkunden, ohne die eine solche Prüfung gar nicht möglich ist.

Die fünf Phasen einer Wurzelreise

In der Praxis lässt sich der Weg in fünf Abschnitte gliedern. Die Reihenfolge ist wichtiger als das Tempo: Wer Phase eins überspringt, verliert vor Ort Tage.

PhaseInhaltDauerWerkzeugeErgebnis
1. VorrechercheFamiliendokumente sammeln, in FamilySearch und im Portale Antenati suchen, die Gemeinde bestimmen1 bis 6 Monate, von zu Hause ausFamilySearch, Portale Antenati, genealogische FachhilfeName der Gemeinde, Auswanderungszeitraum bestätigt
2. Kontakt zur GemeindeBeglaubigte Auszüge aus Geburts-, Heirats- und Sterberegistern anfordern, Zugang zum Archiv klären2 bis 8 WochenE-Mail an das ufficio anagrafe, Netzwerk ItaleaBeglaubigte Urkunden, Archivzugang bestätigt
3. Besuch und ErkundungReise in den Herkunftsort: Archiv, Pfarrei, Friedhof, Begegnung mit Namensvettern5 bis 10 Tageörtliche genealogische Kontakte, Pfarrer, GemeindeamtDokumente, Fotos, Kontakte, Überblick über Immobilien
4. Optionen prüfenWeg zur Staatsangehörigkeit, 7-Prozent-Regelung in Gemeinden unter 30.000 Einwohnern, Immobilienkauf, Aufenthalt1 bis 12 MonateSteuer-, Rechts- und ImmobilienberatungPersönlicher Handlungsplan
5. EntscheidungAntrag auf Staatsangehörigkeit und/oder Umzug und/oder KaufvariabelNotar, Konsulat, zuständige GemeindeKaufvertrag, Anmeldung, neuer Wohnsitz

Fallgeschichte: Diego aus Buenos Aires — vom Nachnamen zur Urkunde

Diego führt ein Lebensmittelgeschäft in Buenos Aires. Bis 2022 wusste er zwei Dinge über seine italienische Familie: Der Urgroßvater hieß Vincenzo, und er war zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts „irgendwo in Apulien“ aufgebrochen.

Phase 1 — Recherche (2022 bis 2023). Ausgangspunkt war eine handgeschriebene Taufurkunde, die seine Großmutter aufbewahrt hatte und die den Herkunftsort nannte: Minervino Murge, Provinz Barletta-Andria-Trani. Diego suchte im Portale Antenati und rekonstruierte in drei Monaten vier Generationen zurück bis 1872. Mit genealogischer Fachhilfe ermittelte er die genauen Archivsignaturen für einen Antrag.

Phase 2 — Kontakt zur Gemeinde (Januar 2024). Diego schrieb an das Standesamt der Gemeinde Minervino Murge. Die Gemeinde antwortete nach sechs Wochen mit apostillierten Urkunden. Gesamtkosten: 120 Euro.

Phase 3 — Der Besuch (April 2024). Acht Tage in und um Minervino Murge. Tag eins: das Staatsarchiv Bari. Tag zwei: die Pfarrei am Ort — der Priester zeigte ihm das Trauregister seines Urgroßvaters, unterschrieben mit einem Daumenabdruck, weil Vincenzo nicht schreiben konnte. Tag drei: der Friedhof, wo er drei Grabsteine mit dem Familiennamen fand, darunter den einer Tante, die Vincenzo nie erwähnt hatte. Tag vier: ein Treffen mit fünf ortsansässigen Familien desselben Nachnamens, zwei davon fast sicher Cousins vierten oder fünften Grades.

Phase 4 — Optionen prüfen (Mai bis Oktober 2024). Zurück in Buenos Aires leitete Diego über das italienische Konsulat das Verfahren zur Anerkennung der Staatsangehörigkeit ein. Sanierte Wohnungen im historischen Ortskern von Minervino Murge: 60.000 bis 90.000 Euro — die Suche und Prüfung solcher Objekte übernimmt in Italien üblicherweise ein Property Finder. Er prüfte die 7-Prozent-Regelung nach Art. 24-ter TUIR, deren Einwohnergrenze das Gesetz Nr. 34/2026 später auf 30.000 anhob.

Phase 5 — Die Entscheidung (2025). Anerkennung im März 2025. Kaufvertrag im August 2025. Heute verbringt er vier Wochen im Jahr in Apulien. „Vincenzo ist mit einem Koffer gegangen. Ich bin mit seinen Papieren zurückgekommen. Und mit dem Schlüssel zu einem Haus.“

Eine Einordnung, die dazugehört: Diegos Antrag lief noch vollständig nach dem Recht, das bis zum 27. März 2025 galt und die Abstammung ohne Generationengrenze zuließ. Ein Urgroßvater genügt heute für einen Neuantrag nicht mehr. Die Recherche, die Reise und der Immobilienkauf bleiben davon unberührt — der Weg zur Staatsangehörigkeit nicht.

Fazit

Wurzeltourismus ist die einzige Form des Reisens, bei der das Ziel schon vor der Entscheidung feststeht. Es steht auf einer Geburtsurkunde, auf einem Grabstein, auf der Rückseite eines Fotos. 6,6 Millionen Menschen haben 2024 aus diesem Grund Italien besucht — und die Prognose für 2026 nennt 7,3 Millionen.

Für den deutschsprachigen Leser ist der Weg kürzer als für die meisten anderen. Die Auswanderung, um die es geht, liegt nicht hundertvierzig, sondern sechzig Jahre zurück. Die Register sind geführt und häufig digitalisiert, die Gemeinden antworten auf E-Mails, und in vielen Familien lebt noch jemand, der den Ort mit eigenen Augen gesehen hat.

Was am Ende zählt, entscheidet sich vor der Abreise: ein Nachname in einer Datenbank, eine E-Mail an ein Standesamt, eine Liste mit Namen und ungefähren Daten für zwei Generationen. Wer damit ankommt, findet einen Ort. Wer ohne das ankommt, findet eine Aussicht.

Quellen

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Häufige Fragen

Wurzeltourismus bezeichnet Reisen nach Italien mit dem vorrangigen Ziel, die geografische Herkunft der eigenen Familie zu erforschen: die Orte besuchen, die die Vorfahren verlassen haben, in örtliche Archive und Pfarrbücher schauen und Kontakt zu der Gemeinschaft aufnehmen, in der die Familiengeschichte begann. Er unterscheidet sich vom Kulturtourismus dadurch, dass das Ziel durch die Abstammung bestimmt wird und nicht durch allgemeine Sehenswürdigkeit.

Nach der Studie des Centro Studi Turistici mit Assoturismo Confesercenti für das italienische Außenministerium erreichten die Ankünfte mit Wurzeltourismus als Hauptmotiv 2024 die Zahl von 6,6 Millionen. Daraus ergaben sich 34,4 Millionen Übernachtungen und rund 5 Milliarden Euro an Ausgaben. Die Vorausschätzung für 2026 nennt 7,3 Millionen Ankünfte und mehr als 5,5 Milliarden Euro.

Deutschland steht nach der Studie CST/Assoturismo Confesercenti an vierter Stelle der Herkunftsländer, die Schweiz an fünfter — vor Frankreich und Australien. Der Grund ist die Arbeitsmigration der Nachkriegszeit: Nach ISTAT-Daten waren am 31. Dezember 2024 in Deutschland 847.000 und in der Schweiz 654.000 italienische Staatsangehörige im AIRE eingetragen. Für Österreich weist ISTAT rund 45.000 aus.

Mit jedem Familiendokument, das den italienischen Herkunftsort nennt: Geburtsurkunden, alte Pässe, Briefe, Fotos mit Beschriftung auf der Rückseite. Anschließend führen zwei kostenfreie Wege weiter — das Portale Antenati des italienischen Kulturministeriums mit Millionen digitalisierter Standesamts- und Kirchenregister sowie FamilySearch. Erst wenn die Gemeinde feststeht, lohnt sich die E-Mail an das ufficio anagrafe.

Jede Gemeinde hat ein ufficio anagrafe mit E-Mail-Adresse und Telefonnummer auf der Website. Die Anfrage sollte auf Italienisch verfasst sein und Vorname, Nachname, ungefähres Geburtsdatum und die Art der gewünschten Urkunde nennen. Zwei bis acht Wochen Bearbeitungszeit sind normal. Kleine Gemeinden haben oft nur an einzelnen Vormittagen geöffnet; ein Anruf nach zwei Wochen ohne Antwort ist üblich und wirkt.

Beides sind getrennte, aber häufig verbundene Vorgänge. Die Reise liefert die beglaubigten Urkunden und den Kontakt zur zuständigen Gemeinde, ohne die kein Antrag möglich ist. Seit dem 27. März 2025 sind die Voraussetzungen allerdings deutlich enger: Der neue Art. 3-bis der L. 91/1992 verlangt für Neuanträge in der Regel einen Elternteil oder Großelternteil, der ausschließlich die italienische Staatsangehörigkeit besaß. Ein Ergebnis lässt sich nicht zusagen.

Nach der Studie CST/Assoturismo Confesercenti 2024 sind es das Veneto, die Emilia-Romagna, Kampanien, Sizilien, Kalabrien, die Abruzzen und Apulien. Die Verteilung bildet die Geschichte der Auswanderung ab: Der Süden speiste die amerikanische und südamerikanische Diaspora, das Veneto und Friaul vor allem die brasilianische. Ein großer Teil der Reisenden erreicht kleine Orte im Landesinneren abseits der Touristenrouten.

Für die Mehrzahl der Gemeinden bis ins sechzehnte Jahrhundert. Das Konzil von Trient verpflichtete zwischen 1545 und 1563 alle katholischen Pfarreien, Taufen, Trauungen und Bestattungen systematisch zu führen. Das staatliche Standesamt kam erst nach 1866 hinzu. Wer vor diesem Datum sucht, wendet sich deshalb an die Pfarrei oder an das Diözesanarchiv — das Portale Antenati deckt vor allem die staatlichen Register ab.

Digitalisierte Familiendokumente, eine ausgedruckte Liste mit Vor- und Nachnamen, ungefähren Geburtsdaten und Ehepartnern für mindestens zwei Generationen, sowie ein kurzes Antragsformular auf Italienisch. Hilfreich sind außerdem ein paar Sätze auf Italienisch für die Archivarin und, wo vorhanden, Einbürgerungspapiere aus dem Auswanderungsland: Sie nennen fast immer den erklärten Geburtsort.

Juli und August sind in kleinen Orten die vollsten Monate, und viele Ämter arbeiten dann mit reduzierter Besetzung. Frühjahr und Frühherbst sind für Archivbesuche günstiger: Die Ämter sind besetzt, die Pfarrer erreichbar, die Unterkünfte verfügbar. Die Anfrage an die Gemeinde sollte in jedem Fall mindestens drei Wochen vor der Reise abgeschickt sein.

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